Anne Weber: Luft und Liebe
Erster Eindruck
Offen gestanden hat mich der Titel dieses Romans eher abgeschreckt – obwohl er sich nach vollendeter Lektüre als durchaus stimmig erweist. Auch der Plot, den ich durch Blättern schnell erfasst hatte, nahm mich nicht unbedingt für das Werk ein: Ein Mann in mittleren Jahren führt ein perfektes Doppelleben mit Ehefrau und Geliebter, wird am Ende jedoch enttarnt – Perspektivfigur ist dabei die desillusionierte Zweitfrau.
Hätte ich nun noch, schon vor dem eigentlichen Lesen, Rezensionen angeschaut, hätte ich das Buch wahrscheinlich beiseitegelegt und die vorliegende Besprechung wäre nie entstanden.
Schlechte Kritiken
„Luft und Liebe“ kam bei der Kritik nämlich schlecht weg. Der Autorin wurde „Groschenromanmentalität“ bescheinigt (Die Tageszeitung, zitiert nach: https://www.perlentaucher.de/buch/anne-weber/luft-und-liebe.html) und – indirekt – mangelndes Schamgefühl vorgeworfen (https://literaturkritik.de/id/14094). Auch hieß es, der Roman bleibe „in den Niederungen einer Frauenzeitschriften-Kolumne“ stecken (Frankfurter Rundschau, zitiert nach: https://www.perlentaucher.de/buch/anne-weber/luft-und-liebe.html).
Da ich den Roman bereits zu Ende gelesen hatte, als ich mich mit diesen beinahe bösartigen Rezensionen auseinandersetzte, muss ich sagen: Sie sind mir unbegreiflich und beruhen aus meiner Sicht auf der geradezu klassischen Verwechslung von bloßem Inhalt und künstlerischer Umsetzung.
Große Literatur mit romanischem Anklang
Denn: Ich würde mich nicht scheuen, „Luft und Liebe“ als große Literatur zu bezeichnen. Allein durch seine Sprache entrückt sich der Text den (angeblichen) „Niederungen“ von Frauenzeitschriften-Kolumnen: Sie ist treffsicher, elegant und scheint mir, nebenbei gesagt, einen romanischen Anklang zu haben – was nicht verwunderlich wäre, da Anne Weber aus dem und in das Französische übersetzt und in Frankreich lebt. Man kann meiner Meinung nach auch nicht behaupten, der Roman bediene das Schema „Böser Mann missbraucht arme Frau (seelisch)“. Das Buch zeigt vielmehr, welch unglaublicher Falschheit Menschen fähig sind – oder, milder formuliert, wie die Rollen, die einer zu spielen beschlossen hat, sich in einem Maße verselbständigen können, dass im Grunde schon von Persönlichkeitsspaltung zu sprechen ist (ich musste da an DDR-Bürger denken, die in Personalunion Stasi-Informanten und Oppositionelle waren). Die Unaufrichtigkeit der männlichen Hauptfigur geht so weit, dass er seiner bereits ein wenig älteren Geliebten einen Kinderwunsch vorgaukelt und mit ihr ein reproduktionsmedizinisches Zentrum aufsucht, dort jedoch nur angeblich in einen Plastikbecher ejakuliert – seine Aussage stellt sich später als Lüge heraus.
Mich hat „Luft und Liebe“ beeindruckt und auch erschüttert. Weder notwendig noch übermäßig originell fand ich allerdings den metafiktionalen Rahmen: Immer wieder wird Bezug auf ein verworfenes Manuskript genommen, aus dem der Roman, wenigstens einer erzählerischen Setzung zufolge, hervorgegangen ist.
Anne Weber: Luft und Liebe, Frankfurt am Main 2010








